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Der Wandel vom Enterprise 1.0 zum Enterprise 2.0

Moderne Unternehmen agieren heute in einem Umfeld, in dem Informationen oftmals der entscheidende Faktor für Erfolg oder Misserfolg einer Unternehmung sind. Informationen und Know-How sind bereits im Unternehmen vorhanden, aber aufgrund fehlender Vernetzungen nicht auffindbar.

Definition des Enterprise 2.0

Die Begrifflichkeit des Enterprise 2.0 wurde 2006 erstmals durch den Harvard-Professor Andrew McAfee in seinem Artikel “Enterprise 2.0: The Dawn of Emergent Collaboration” verwendet.

Unter Enterprise 2.0 versteht McAfee jene Web 2.0 Tools, die ein Unternehmen einsetzen kann, um Gebrauch und Ergebnisse ihrer Wissensarbeiter sichtbar zu machen. (Vgl. McAfee (2006), S. 23.) Bei diesen Tools handelt es sich um “Social Software Plattformen innerhalb von oder zwischen Unternehmen und ihren Partnern oder Kunden” (McAfee (2008), S. 18.). Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Informationen dauerhaft und öffentlich zugänglich sein müssen. Öffentlich bezieht sich dabei nicht unbedingt auf die gesamte Öffentlichkeit, sondern z.B. auf die Öffentlichkeit innerhalb eines Unternehmens.

Enterprise 2.0 ist zugleich als ein Wandel in der Unternehmensphilosophie zu verstehen. Es geht darum “die Konzepte des Web 2.0 und von Social Software nachzuvollziehen und zu versuchen, diese auf die Zusammenarbeit in den Unternehmen zu übertragen.” (Richter, Koch (2007), S. 16.) Der bewusste Abbau von Hierarchien soll zur Steigerung der Selbstorganisation führen, die Grundlage für eine “Innovationsdynamik und Kreativität [ist], mit der sich die Leistung statt um wenige Prozente gleich um ein Vielfaches steigern lässt” (Stamer (2008), S. 61.).

Entstehung

Vor fast 100 Jahren setzte Henry Ford erstmals im großen Stil Fließbänder für die Fabrikation von Kraftfahrzeugen ein. Die dahinter stehenden Konzepte der Standardisierung und der Arbeitsteilung sind heute die Grundlage für den vorherrschenden Kapitalismus.

Doch die Erwartungen und Ansprüche haben sich gewandelt. Kunden, die in der heutigen Zeit eine Maschine kaufen, erwarten mehr als die eigentliche Maschine. Sie verlangen Beratung vor dem Kauf, die Installation und die dauerhafte Wartung der erworbenen Maschine. Das Angebot von Dienstleistungen ist heute für fast jedes Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. Viele Unternehmen bieten sogar nur noch Dienstleistungen an – der sogenannte Dienstleistungssektor.

Dienstleistungen verlangen nach neuen Konzepten. Grund hierfür sind der hohe Grad der individuellen Anpassung der zu erbringenden Leistung und der Interaktionsbedarf mit dem Kunden. Ein vollkommen standardisiertes Produkt, wie Frederick Winslow Taylor es durch eine “allein richtige (‘one best way’) Bewegungsfolge” (Wikipedia: Frederick Winslow Taylor, Aufruf am 14.02.2009.) erschaffen wollte, gibt es im Dienstleistungssektor nicht mehr. Die Arbeitsteilung erweist sich ebenfalls zunehmend als schwierig. Der Kunde wünscht sich einen Ansprechpartner im Unternehmen (“One face to the costumer”). Abteilungsgrenzen führen dazu, dass Informationen und Wissen nicht frei verfügbar sind. (Vgl. Stamer (2008), S. 68-69.)

Mit dem Aufkommen der Computertechnologie und des Internets hat sich die Wirtschaft weiter drastisch verändert. Informationen stehen immer mehr im Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns. Selbst auf der gesellschaftlichen Ebene spricht man heute bereits von einer Informationsgesellschaft. Die Bedeutung von Informationen und Wissen lässt sich nicht mehr abstreiten.

Dabei existiert ein zentrales Problem: Wie kann ich die potenziell vorhandenen Informationen auffinden? Außerhalb der Unternehmensgrenzen ist dies mit Hilfe von Suchmaschinen, Wikis und anderen Tools in den letzten Jahren deutlich einfacher geworden. Innerhalb des Unternehmens stellt sich die Situation allerdings anders dar. Wissen wird auf Abteilungsebene bewusst und unbewusst zusammengehalten. Mitarbeiter verfügen über Know-How, das unentdeckt bleibt und damit keinen Mehrwert für das Unternehmen generieren kann. Es muss also Ziel des Unternehmens sein, die Vernetzung seiner Mitarbeiter zu erhöhen. Kreativität und Austausch hinweg über Abteilungsgrenzen und Standardprozesse ist gefragt. Dadurch kann ein Wissensvorsprung erreicht werden, der dem Unternehmen im Wettbewerb den entscheidenden Vorteil bringt. (Vgl. Hamann (2008), S. 12.)

Durch den Einsatz von Social-Software-Plattformen kann den Wissensarbeitern – also Mitarbeitern eines Unternehmens, die mit Informationen und Wissen agieren – der entsprechende Rahmen geboten werden. Ab diesem Zeitpunkt kann von Enterprise 2.0 gesprochen werden. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass “der Erfolg von Enterprise 2.0 […] weitgehend durch menschliche und nicht durch technische Faktoren bestimmt” (McAfee (2008), S. 18.) wird.

Frühere Technologien

Die bisher eingesetzten Technologien für Wissensarbeiter lassen sich nach McAfee in zwei Kategorien aufteilen: (Vgl. McAfee (2006), S. 22.)

Channels
Unter Channels fallen Dienst wie E-Mail und person-to-person Instant Messaging. Bei diesen Diensten steht die Kommunikation zwischen einzelnen Personen oder sehr begrenzten Personengruppen im Mittelpunkt. Zwar kann jeder Informationen bereitstellen, aber nur für eine begrenzte Personengruppe. Die Öffentlichkeit hat keinen Zugriff auf diese Informationen.

Plattformen
Hierzu gehören Intranet-, Firmen- und Portalwebseiten. Diese Plattformen sind für eine (Unternehmens-) Öffentlichkeit verfügbar. Allerdings ist die Gruppe der publizierenden Personen stark eingegrenzt.

Die beiden Technologie-Kategorien haben entweder ihre Stärke im Publizieren von oder im öffentlichen Zugriff auf Informationen. Es muss also Ziel sein, Technologien zu nutzen, die sowohl das Publizieren als auch den Zugriff auf Informationen einem möglichst großen Personenkreis erlauben.

Komponenten moderner Technologien

Enterprise 2.0 setzt auf Technologien des Web 2.0. Dabei lassen sich sechs elementare Komponenten identifizieren, die McAfee mit dem Akronym “SLATES” bezeichnet: (Vgl. McAfee (2006), S. 23 ff.)

Search
Suchfunktionalitäten ermöglichen das schnelle und gezielte Auffinden von Informationen.

Links
Durch Links werden Beziehungen zwischen Informationen aufgebaut. Dadurch können Inhalte in einen Kontext zueinander gestellt werden.

Authoring
Diese Dienste erlauben es jedem Autor zu sein. Informationen können sehr einfach einem großen Personenkreis zur Verfügung gestellt werden.

Tags
Tags – auf Deutsch Schlagwörter – werden von Nutzern vergeben und klassifizieren Inhalte. Dadurch entstehen individuelle Kategoriensysteme, die nicht zuvor starr festgelegt werden müssen.

Extensions
Softwareerweiterungen ermöglichen die individuelle Anpassung und Darstellung von Informationen. Ein Beispiel können die Produktempfehlungen bei Amazon sein, die basierend auf bisherigen Einkäufen und Interessen des Benutzers erstellt werden.

Signals
Durch Technologien wie RSS-Feeds werden Benutzer über Änderungen informiert. Sie müssen nicht mehr selbstständig nach gewissen Informationen suchen, sondern bekommen einmal abonnierte Inhalte automatisch zur Verfügung gestellt.

Einordnung moderner Technologien

Die im Enterprise 2.0 zum Einsatz kommenden Technologien lassen sich in drei Anwendungsklassen einordnen: Informationsmanagement-Tools dienen der Sammlung und Bereitstellung von Informationen, Kommunikations-Tools versuchen Informationen gezielt zu verteilen und Identitäts- und Netzwerkmanagement-Tools verwalten Identitäten und die Beziehungen zwischeneinander. (Vgl. Koch (2008), S. 51.)


Social-Software-Dreieck (Eigene Darstellung in Anlehnung an Koch (2008), S. 51.)

Die Abbildung ordnet die Technologien den Anwendungsklassen zu. Dabei fällt auf, dass einzelne Technologien mehrere Anwendungsklassen abdecken. Weblogs erfüllen dabei primär die Aufgabe der Kommunikation und dienen sekundär als Informationsmanagement-Tool.

Bei Social-Software steht die Freiwilligkeit der Beteiligung im Mittelpunkt. Die Kommunikation ist individuell geprägt, d.h. ich-zentriert. Es findet keine bzw. nur eine schwache Kontrolle durch Dritte statt. Die Social-Software steht einer großen Benutzergruppe zur Verfügung, die sowohl veröffentlichen, als auch konsumieren kann. Dies alles sind Eigenschaften, die Social-Software erfolgreich machen und z.B. gegenüber klassischer Groupware Lösungen abgrenzen. (Vgl. Koch (2008), S. 52.)

Theorie der Beziehungen

Die Beziehungen der Wissensarbeiter zueinander sind für ein Unternehmen von elementarer Bedeutung. Bereits 1973 stellt Mark Granovetter in einer Veröffentlichung mit dem Titel “The Strength of Weak Ties” fest, dass Unternehmen, die stark durch Innovationen geprägt sind, sehr hohen Wert auf eine Vernetzung der Mitarbeiter legen. (Vgl. McAfee (2008), S. 24.) Die Idee dahinter ist einfach: Durch die guten Beziehungen der Mitarbeiter zueinander kann vorhandenes Wissen und Know-How schneller aufgefunden und damit nutzbar gemacht werden.

Besonders interessant war die Feststellung, dass “gerade schwache Beziehungen möglicherweise die eigentlich größere Bedeutung für Innovationen und Knowledge-Sharing haben.” (McAfee (2008), S. 24.) Starke Beziehungen bestehen, wenn Mitarbeiter sehr häufig miteinander agieren. Da sie sich gut kennen, ist das Potenzial an unentdecktem Wissen und Know-How eher gering. Dagegen sind schwache Beziehungen dann gegeben, wenn Mitarbeiter nicht regelmäßig und eher beiläufig miteinander agieren. Hier ist die Chance auf unentdecktes Wissen zu treffen wesentlich höher. Es liegt also nahe, gerade diese schwachen Beziehungen zu fördern.

In der Abbildung sind die verschiedenen Beziehungsarten grafisch dargestellt. Die Grafik ist zwar nicht maßstabsgerecht, sie stellt aber gut erkennbar dar, dass z.B. die Anzahl der schwachen Beziehungen höher als die der starken Beziehungen ist.

Wie zu Anfang erläutert, sind Beziehungen zwischen den Wissensarbeitern von hoher Bedeutung für Unternehmen. Enterprise 2.0 mit seinen Technologien unterstützt die verschiedenen Beziehungsarten bzgl. ihrer jeweiligen Bedürfnisse und Anforderungen: (Vgl. McAfee (2008), S. 29 ff.)

Starke Beziehungen
Starke Beziehungen existieren – wie zuvor bereits dargestellt – zwischen eng zusammenarbeitenden Mitarbeitern. Der Einsatz von Wikis kann diese Beziehungsart unterstützen. Es dient der Kollaboration mit der Möglichkeit der dynamischen Strukturierung. Dadurch können Dokumente flexibler im Team erstellt und Wissen gemeinsam eingebracht werden.

Schwache Beziehungen
Schwache Beziehungen sind zwischen Mitarbeitern vorhanden, die gelegentlich miteinander agieren. Durch Social-Networking-Software ist es möglich, zwischen diesen Kollegen die Vernetzung dauerhaft aufrecht zu erhalten. Statusnachrichten, wie sie beispielsweise auch bei facebook angeboten werden, informieren Kollegen über Themen, die für sie möglicherweise relevant sein können. Dadurch erhalten sie Informationen, die sie sonst vermutlich nicht mitbekommen würden und können diese nutzen. Dies kann in der Praxis so aussehen, dass Kollege A über ein Problem berichtet, Kollege B dieses liest und aufgrund seines Know-Hows in diesem Bereich A direkt die Lösung aufzeigen kann.

Potenzielle Beziehungen
Neben den schwachen Beziehungen haben die potenziellen Beziehungen eine besondere Bedeutung. Das sind dem Wissensarbeiter unbekannte Kontakte, die aber aufgrund ihres Wissens potentiell für ihn wertvoll sein können. Die Technologien Wiki und Social-Networks fokussieren auf bereits bestehende starke oder schwache Beziehungen, so dass für potenzielle Beziehungen eine weitere Technologie notwendig ist, um die sich noch nicht bekannten Mitarbeiter zusammenzuführen. Blogs schaffen hier die optimale Möglichkeit, Mitarbeiter mit Know-How zu bestimmten Themen zu entdecken bzw. bereits Informationen in Blogs aufzufinden. Durch eine unternehmensinterne Blogsuche, wie sie mit Google Blog Search in Internet existiert, können Blogs der Mitarbeiter nach bestimmten Themen durchsucht werden. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit bisher nicht existente Beziehungen aufzubauen und neues Wissen, das im Unternehmen bereits vorhanden ist, umfangreicher nutzbar zu machen.

Keine Beziehungen
Keine Beziehungen sind dann vorhanden, wenn für die Mitarbeiter kein Nutzen aus der möglichen Beziehung entstehen würde. Dennoch kann man hier mit Hilfe von Prognosemärkten die kollektive Intelligenz nutzbar machen. Für derartige Prognosen sind die Beziehungen zwischen den Teilnehmern oftmals irrelevant. Die möglichst hohe Anzahl der Teilnehmer ist ausschlaggebend.

Anhand dieser Aufgliederung der Beziehungsarten zeigt sich deutlich, dass Enterprise 2.0 die jeweils passenden Technologien bereithält. Dadurch ist es dem Unternehmen möglich, alle relevanten Beziehungsarten individuell zu unterstützten und zu fördern.

Fazit

Es wird deutlich, dass sich mit Enterprise 2.0 eine neue Generation von Unternehmenskultur entwickelt hat. Alte starre Strukturen werden aufgebrochen mit dem Ziel, Informationen transparenter und besser auffindbar zu machen. Dabei sind die Beziehungen der Mitarbeiter zueinander von hoher Bedeutung. Diese Beziehungen zu fördern kann nur im Interesse des Unternehmens sein. Technologien, wie sie im Web 2.0 zum Einsatz kommen, bieten die dafür notwendigen Möglichkeiten.

Wie Web 2.0 Anwendungen im Internet für viele Personen heute bereits selbstverständlich sind, wird dies zukünftig zunehmend auch für Enterprise 2.0 Anwendungen innerhalb der Unternehmen gelten. Enterprise 2.0 unterstützt Unternehmen sich bereit zu machen für die Anforderungen der Zukunft.

Literaturverzeichnis

Internetadressenverzeichnis

03.04.2009  #Enterprise 2.0  #IT 
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